Wie alles anfing

Wie alles anfing

Wir saßen bei meinem Freund in der Küche und tranken Kaffee. Es war November und wir planten das Wochenende, das vor uns lag. Gut vier Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Ich war wegen meines Jobs in der Stadt und besuchte ihn endlich mal in seiner neuen Heimat ganz im Norden. Schon nach wenigen Minuten war die Vertrautheit zwischen uns zurück. Trotz Umzügen, Jobwechseln und den Jahren die ins Land gegangen waren hatten wir uns wohl nicht wesentlich verändert. Seine Vorschläge für die beiden Tage waren Sachen, die er bestimmt ohnehin am liebsten machte und die wir früher schon gerne unternommen hatten. Mit dem Rad zum Strand fahren und dort Feuer machen, wenn möglich auch dort kochen, den Neoprenanzug mitnehmen, für alle Fälle das Tarp und Schlafsäcke einpacken, denn es gäbe da schon auf der dänischen Seite eine Stelle, wo man meist ungestört bleibe. Ich war mit allem sofort einverstanden. Wir durchsuchten seinen Kleiderschrank nach Klamotten und Ausrüstung, die ich mir leihen konnte.

Später gingen wir runter zum Hafen und pflichtbewusst noch in zwei Kneipen. Der Lärm darin störte das Gespräch, unsere Blicke waren ständig abgelenkt und wir saßen angespannt auf den Barhockern. Nach dem zweiten Bier brachen wir auf, zogen noch ein paar Runden durch den Niesel und mussten im Dunkeln darüber schmunzeln, uns am nächsten Morgen mit Schlafsack, Regenzeug und Proviant aufs Fahrrad zu schwingen um im Novemberregen ein Lagerfeuer zu machen. Wir freuten uns auf die Überwindung wirklich loszufahren, darauf, dass keiner dabei war der Nörgeln würde wenn es ungemütlich wurde und auch niemand, dem man näher erklären musste, warum genau dieses Programm das bestmögliche für unser Wiedersehen und für ein freies Wochenende überhaupt war. Im November in Norddeutschland. Und dann fiel der Satz, scheinbar beiläufig aber mit Überzeugung. Eine Gewissheit die sich bewusst zu machen er einige Jahre gebraucht hatte und die immer dann ausgesprochen werden konnte, wenn ähnliche Ideen auf Unverständnis, Ungläubigkeit und Befremden stießen:

>Ich bin halt einfach lieber draußen als drinnen, immer.<

D.

Es brauchte Wochen und Monate bis mir klar wurde, dass er auch für mich galt. Schon immer gegolten hatte. Der Satz erklärte die Verbindung und das tiefe Verständnis zwischen mir und meinem Freund D. Und damit klärte sich gleich noch sehr viel mehr für mein Leben. Diese einfache Feststellung erlaubte mir einen neuen Blick auf mich selbst als Mensch und auf meine Geschichte.

Was waren die besonders eindrucksvollen Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend? Sie liegen alle im Freien, in der Natur: Der Morgennebel über dem See, in dem ich in ein Schlauchboot rutsche, der Aufstieg in den Dolomiten über eine Wiese oder das Strohfeuer mit Nachbarkindern in einem Hohlweg. Mit Freunden im Fluss tauchen und bis nachts auf den Uferwiesen quatschen und kicken. Ich spielte im Fußballverein, auch wenn ich vielleicht im Tischtennis häufiger Erfolgserlebnisse gemacht hätte. Turnhallen konnte ich so wenig leiden wie Hallenbäder. Dafür stieg ich in fast jedes Gewässer, dem ich begegnete und war bei den Pfadfindern. Lieber als zum Shoppen gingen wir in den Stadtwald und nahmen unseren Hund und Picknick mit. Bis heute nutze ich jede Gelegenheit, da man im Cafe´ oder Restaurant draußen sitzen kann um unter freiem Himmel zu essen und zu trinken. Und die entscheidenden Ereignisse, sicher die schönsten passierten draußen. In meine spätere Frau verliebte ich mich im Gespräch, das am Nachmittag auf einer Bank auf einem Hügel begann und am frühen Morgen auf einem Steg am See noch nicht zu Ende war. Meine Dissertation habe ich im wesentlichen in einer Loggia heruntergeschrieben, auf der ich von April bis Oktober sitzen konnte und wo mich nichts aus meinem Flow herausriss. Die Liste der Vorlieben, Erinnerungen und Fügungen meines Lebens ist sehr viel länger.

Ich kannte von meiner Mutter den Tipp, nach einem Streit oder einer schlechten Nachricht einen Spaziergang zu machen, der offene Himmel lasse Wut und Sorgen schneller entweichen, als zwischen Wänden und einer Zimmerdecke. Ingmar Bergmann, der es als „Herr der Dämonen“ und Inselbewohner wissen musste soll seiner Tochter Liv Ulmann immer gesagt haben.

> Die Dämonen hassen frische Luft <

Ingmar Bergmann

Mit der Zeit lernte ich, dass Draußensein nicht nur Sorgen situativ kleiner werden ließ und die meisten Dinge ganz einfach schöner und intensiver waren als drinnen, sondern dass viel und bewusst draußen zu sein, vor allem in der Natur, mir dauerhaft gut tat. Ich begann zu verstehen, dass Draußensein eine Praxis ist, die durch Ausführung besser wird, so wie ein Muskel trainiert wird. Das bedeutet aber auch, dass sie nicht vernachlässigt werden darf, denn dann geht es mir insgesamt bald schlechter.

D´s Satz zu verinnerlichen bedeutete also nicht nur das recht einfache Prinzip hinter meinen vermeintlich raffinierten und individuellen Vorlieben zu erkennen. Er half mir auch dabei für mich zentrale Bedürfnisse nach Harmonie, Weite, Stille und dem physischen Kontakt mit den Elementen anzuerkennen. Die Ursachen für einige wiederkehrenden Konflikte und häufige Frustrationen waren die zu lange und weite Trennung von diesen Bedürfnissen im Job, durch familiäre Pflichten oder unsere Wohnsituation.

Und mit der Zeit zeigte das aktive und bewusste Draußensein, das Nachspüren seiner Wirkung und die Suche nach den Erklärungen hierfür, das mein ungewöhnlich starkes Bedürfnis nach frischer Luft und Wildnis nicht so sehr Ausdruck von Klaustrophobie und Eigenbrötlerei waren, sondern eine menschliche, sehr gesunde Kondition.

>Wir werden durch den Kontakt zur Natur nicht gestärkt, sondern durch die Trennung von ihr geschwächt<

Clemens G. Arvay, Biologe

Ich begann Bücher zu lesen über die Wirkung von Landschaften, Natur und Wildnis auf den Menschen. Lernte von anderen Menschen Techniken und Wissen kennen, die es ermöglichen, tatsächlich immer draußen zu sein und sich tiefer und bewusst darauf einzulassen. So eröffneten sich ganze Welten des Wissens, Erfahrens, Lernens und Staunens, die Psychologie, Biologie, Werkstoffkunde, Anthropologie, Physik, Spiritualität, Geographie, Ökologie und viele anderen Gebiete miteinander verbanden. Ich erfuhr und erfahre mit Sinnen und Verstand meine Fähigkeiten sowie Grenzen der Belastbarkeit und eine ganz neue Verbundenheit mit Menschen, Tieren, den Elementen, der Erde und der Pflanzenwelt .

Das Draußensein ist zu einer Faszination geworden, zu einem eigenen Universum, das ich immer betreten kann, sogar wenn ich in der Straßenbahn ein Buch über wildes Schwimmen oder die Kraft des Gehens lese oder vor einem Bildschirm diesen Blog schreibe. Er ist dazu da, die Erfahrungen und Erkenntnisse zu teilen und in einen Austausch zu treten mit Lesern, die auch lieber draußen als drinnen sind und die erfahren möchten, wie man mehr Draußen in sein Leben und Denken lassen kann. Hier stelle ich Bücher vor, die mir Galaxien des Universums besonders eindrücklich gebracht haben, teile praktische Erfahrungen und Übungen sowie Ideen, sich mit den Elementen zu umgeben und Tätigkeiten draußen auszuüben, die über Wandern, Joggen und Radfahren hinausgehen. Dem Austausch dient der Newsletter, mit dem ich einmal im Monat eine einzelne Anregung teile. Ich hoffe, dass das Lesen mit der Zeit eine Verbindung mit der Welt des Draussen herstellen kann.

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