Schlafen
Draußen zu schlafen ist eine der wunderbarsten Tätigkeiten die das Leben bietet. Nichts ist erholsamer. Und der Schlaf im Freien bringt uns die Umwelt näher, als wir sie wach erreichen können. Schon das Aufwachen aus dem kurzen Mittagsschlaf in der Hängematte verdeutlicht, wie schnell Sonne und Schatten wandern und sich die Geräusche der Umgebung verändern. Ausgestreckt auf dem Boden erspüre ich über die kleine Liegefläche unter meinem Körper die Erdoberfläche, den Untergrund, auf dem ich entschwinde. Warmes oder kühlendes, frisch oder trocken riechendes Gras. Ich höre das Schaben der sich unter meinen Bewegungen verschiebenden Laubschichten. Nadeln im Waldhumus, Moosflechten oder Sandkuhlen haben ihren je eigenen Geruch und geben unter den Schultern und der Hüfte angenehm nach, wenn ich mich ablege, im Schlaf umdrehe. Neugierig lasse ich mich nieder, wenn ich vor Müdigkeit zur Erde geradezu hingezogen werde.

Als Kindergartenkind bin ich manchmal irgendwo auf einer Wiese oder einem Lehmhügel eingeschlafen. Ältere Nachbarskinder trugen mich wieder nach Hause. Einmal fehlten mir die Gummistiefel, die im Schlamm stecken geblieben waren. Als Teenager vertrieb ich den Schlafmangel, den das frühe Aufstehen in der Schulzeit hervorbrachte in Freistunden auf den Flussauen mit kurzen Nickerchen. Manchmal störte eine Wurzel, ein Stein oder eine unpassende Mulde die Ruhe, dann musste ich wieder aufstehen oder mich weiterwälzen, sobald die drängendste Müdigkeit verflogen war.
Etwas ganz anderes ist es, die ganze Nacht draußen zu verbringen. Die Übernachtung muss sorgfältig vorbereitet werden und bedarf immer einer Ausrüstung oder eigenen Vorrichtungen. Dafür kann man dann das ganze Jahr über im Freien schlafen. Selbst im Winter bei tiefen Minusgraden. Markus Torgeby, der vier Jahre in Nordschweden im Wald gelebt hat, davon zwei in einem Baumwollzelt, beginnt sein Buch Unter freiem Himmel mit den Worten:
„Ich glaube an das Schlafen im Freien, umgeben von Nadelbäumen, Dunkelheit und Kälte. Daran, auf dem Rücken zu liegen, zu den Sternen hochzublicken und zu sehen, wie sich die Atemluft wie eine dünne Wolke vor den Augen ausbreitet.“
Markus Torgeby
Markus schläft auf einem Rentierfell, das Kälte und Nässe abhält in einem dicken Winterschlafsack, der den Körper warm hält. Nur über das Gesicht spürt er die Kälte um sich herum. Es weitet die Perspektive, den unendlichen Raum eingepackt aus einem kleinen Ausschnitt zu betrachten. Diese Beobachtung kann ich gut teilen, sie gilt natürlich nicht nur in Jämtland auf einem Rentierfell.
Wem das Fell zu schwer ist und wer sich auch von oben und der Seite vor Nässe schützen möchte, der nimmt einen Biwaksack mit. Im doppelten Kokon kann man sich unmittelbar der Landschaft und der Umwelt anvertrauen, auch dann wenn das Wetter und die Liegefläche auf die wenigsten einladend wirkt, sich zum Schlafen im Freien hinzulegen. Der britische Wildlife-Autor Robert Macfarlane schildert in Karte der Wildnis gleich mehrere Nächte im Biwacksack. Seine Beschreibung der Wildgänse in einem schottischen Tal, die in der Dämmerung so dicht über ihm durch das Blickfeld ziehen, dass er davon geweckt wird, haben mir das großartige Potential dieser Hülle um den Schlafsack eindrücklich aufgezeigt. Die schlaflosen Stunden auf einem zugefrorenen Bergsee im Sturm hingegen oder das Gefühl auf einem Gipfel, als würde sich Packeis durch die Arterien und Venen schieben, hat in mir Neid für seine Abwehrkräfte und Mitleid mit seinen Gliedmaßen geweckt. Vielleicht half es, dass der bestiegene Berg Ben Hope genannt wird. Der Biwacksack kann für Abenteurer lebensrettend sein. Aber solche Extreme reizen mich nicht, sie zeigen mir aber Zonen auf, in die ich mich vorwagen möchte, sie laden mich ein auszutesten, bis wohin ich mich gut und sicher fühle, mich auf meine Physis glaube verlassen zu können ohne hoffen zu müssen.
Fast immer sind die Beobachtungen in der Nacht reduziert auf ein einzelnes oder wenige Phänome. Eingerahmt von Schlaf und Traum und im reduzierten Mondlicht oder Feuerschein treten sie umso einehmender hervor. Das Bergmassiv, das allein mit seinen Schneehänge aufscheint, das Grollen der Steine unter dem Hufschlag einer Herde Hirsche, die eine Senke heruntertraben, der Mondschweif auf entferntem Gewässer oder eine Baumkrone, in der sich der Wind verhakt. Wenn ich nachts wach werde sehe ich manchmal die Dinge viel kleiner und näher vor mir, als sie eigentlich sind. Das Zimmer gleicht einer Puppenstube, in der ich wie noch in einem Traum in meiner normalen Größe liege. Wenn ich die Hand ausstrecken würde, könnte ich die Tür oder das Fenster öffnen, mir zugleich am Tisch den Ellbogen stoßen oder meine Handfläche gegen die Zimmerdecke stemmen. Noch nie hatte ich den Impuls, mich wirklich zu bewegen, mein Körper ist noch schwer vom Schlaf. Diese Wahrnehmung löst seit meiner Kindheit ein behagliches Gefühl aus. Womöglich begann ich deswegen als Kind zu schlafwandeln. Vielleicht weil es so aussah, als müsste ich gar nicht das Bett verlassen, um die Terrassentür zu öffnen, die in den Garten führte. Ein Teil des Gehirns, das die optischen Informationen verarbeitet um das Bild von der Welt zu rekonstruieren oder ein Schalter, der zwischen Traumbildern und den Reizen der Augen wechselt, scheint noch zu schlafen. Ein paar mal ist dieser Effekt beim Draußenschlafen eingetreten. Dann sind die Baumwipfel zum Reingreifen nahe und die ausgestreckte Handfläche könnte durch die ganze Wiese fahren. Aber die Arme bleiben schwer im Schlafsack und bald versinke ich wieder vollständig im Schlaf.
Draußenschlafen ist selten Durchschlafen. Windgeräusche, Niederschlag, Tierstimmen, Morgenkälte oder ein Wetterumschwung wecken meine Aufmerksamkeit, meist um nach kurzer Prüfung der Lage festzustellen, dass alles in Ordnung ist. Froh darüber, trocken und sicher zu sein, nichts unternehmen zu müssen, schlafe ich wieder ein. Manchen, vor allem Menschen mit Schlafstörungen klingt das nach einer Tortur. Aber die längste Zeit unserer Existenz als Gattung haben wir wahrscheinlich mit diesen und auch mit viel längeren Unterbrechungen genächtigt, oft mit kleinen Tätigkeiten verbunden und in Geselligkeit. Der Schlafsack ist noch nicht so alt und er macht uns träger als Felle und Decken. Als der Mensch noch natürliche Feinde hatte, war es keine gute Idee, sich in einen zugeschnürten Beutel zu legen, aus dem zu befreien es immer eine Weile und ruhiger Hände bedarf. Damals schufen Menschen in Sicht- und Hörweite, die vernehmlich schlafenden wie die wachen, sich unterhaltenden, Geborgenheit. Nahm man beide Gruppen wahr, konnte man sich beruhigt fallenlassen. Und den Hund domestizierte der Mensch wohl vor allem deswegen, weil er gefährliche Tiere früher riechen und hören kann als wir sie sehen. Schläft er ruhig, droht keine Gefahr. Bis heute steckt das in uns. Kaum etwas wirkt auf uns tiefenentspannender als der Anblick und die Präsenz eines dösenden Hundes. Beim Übernachten im Freien tritt dieser ursprüngliche Nutzen des Hundes noch deutlicher zu Tage. Natürlich wird man öfter wach, weil der Hund auf wilde Tiere reagiert oder sich bewegt, aber er versüßt auch das mehrfache Einschlafen, wenn wieder alles in Ordnung ist. Vielleicht sind die unterbrochenen Nächte im Freien ungewohnt und führen dazu, dass am nächsten Tag das Bedürfnis nach einem kurzen power nap geweckt wird. Aber der ist ja wunderbar im Freien, siehe oben.

In jedem Fall bringt das Draußenschlafen keine Dauermüdigkeit mit sich, keinen stumpfen Nebel, den stressbedingte Schlafstörungen auslösen, sondern im Gegenteil eine Schärfung der Sinne und bewusstes Erleben des Ich im Zyklus des ganzen Jahres und des gesamten Tages.
Die Kommunikation mit einem Hund ist auch bei der Auswahl des Nachtlagers interessant. Seine Bestätigung des ausgesuchten Ortes zeigt sich im selbstverständlichen Ablegen, sein Zweifel mit unruhigem umhertigern oder nervösem Gähnen. Er spürt Wildwechsel und die Präsenz anderer Tiere, in deren Revier er nicht eindringen mag. Bei einer Wildniswanderung wollte der begleitende Vierbeiner sich mit unserem Lager in einem bemoosten Waldgrund par tout nicht anfreunden. Am nächsten Morgen trafen wir unweit des Lagerplatzes auf Wolfsspuren im Sand. Der Platz hatte den Vorteil nahe an einer Wasserquelle zu liegen und er schützte uns vor Regen und Unwetter, das sich anbahnte. Richtig wohl fühlten sich darin die wenigsten. Ganz anders die vorangehenden und folgenden Nächte, die wir auf bewaldeten Plateaus verbrachten, von denen wir in ein Tal schauen konnten und ein großes Gebiet übersehen konnten. Die Präferenz für solche Ort zum Niederlassen teilen wir mit nichtmenschlichen Tieren, denen sich der Respekt vor Raubtieren tief eingeschrieben hat in ihre unbewusste Weltwahrnehmung. So finden sich an Plätzen, die instinktiv zum Innehalten und Niederlassen einladen häufig vermehrt die Losungen von Hirschen oder Elchen, denn auch sie verbringen dort viele Stunden am Tag oder der Nacht, mit gutem Überblick über ihre Umgebung. Aussichtspunkte auf Wanderwegen in den Bergen sind an Orten entstanden, an denen sich Menschen gerne aufhielten, Zeit verbrachten und ja, Aussicht hielten. Es steckt einfach in uns, an solchen Ausblicksorten anzuhalten, innezuhalten. Wir fühlen uns dort instinktiv zu Hause.
„You can see, and you are safe. Evolution has written this in your programming for the same reason it has written the same instructions in the program of elk. And for a moment in this place, animals do not know way more than you do. You read the signs the same as wild elk does, and the sign says you are home.“
John Ratey and Richard Manning: Go Wild
Lange, sehr lange bevor der Mensch Orte aufsuchte, die ihm jene Landschaft darbot, in denen ein empfindsamer Mensch sein Innenlebens in der Natur ausgedrückt fand, waren viele dieser auserwählten Orte höchst wahrscheinlich bereits als Aussichtspunkte etabliert. Rebecca Solnit hat die Erfindung des modernen Wanderns im Zusammenspiel mit der Entdeckung und Verklärung der „unberührten“ Natur der romantischen Malerei und schwärmerischen Literatur in Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens eindrücklich beschrieben. Seit dem späten 18. Jahrhundert erlernten diejenigen, die Zeit und Ressourcen hierfür fanden, wie Landschaften zu betrachten und zu bewundern sind und wie sie in Worten und Zeichnungen ihrer Mitwelt vermittelt werden können. Mir gefällt die Idee, eine noch längere historische Perspektive einzunehmen, von unseren nomadischen, so viel länger andauernden Zeiträumen bis ins heute. Egal welche Trends und Techniken unsere Suche nach Bildern und ihre Verwertung auf sozialen Medien bestimmen mögen, die Matrix nach denen wir die Naturszenerien auswählen ist älter als Likes und Follower, sie hätten sich aber auch vor neunzigtausend Jahren schon global verteilt. Wir sehen und wir sind sicher.
Deswegen sind Instagramm-kompatible Orte oft ideale Plätze um dort zu übernachten, auch wenn wir ohne Kamera und offline unterwegs sind. Der Ausblick alleine erfüllt unsere Aufmerksamkeit solange es Tageslicht gibt und der Schlafplatz vorbereitet, das Feierholz gesammelt und das Essen zubereitet ist. Die Geborgenheit begleitet uns dann die ganze Nacht. Die Ursache für dieses Empfinden von Sicherheit zu kennen verstärkt meine Verbundenheit mit den nicht-menschlichen Tieren und der eigenen Gattung, die diesen und ähnliche Ort aufgesucht haben. Sich hier gleich zu Hause fühlen zu können löst Dankbarkeit aus. Verbundenheit und Dankbarkeit machen glücklich. Müde Glieder nach einer Wanderung mit Rucksack tragen dazu bei.
Neben dieser fast schon instinktiven Auswahl des Schlafplatzes gibt es natürlich noch weitere Kriterien, die bei der Wahl des Schlafplatzes wichtig sind. Haben wir nur wenig Wasser dabei, sollte eine Wasserquelle in der Nähe sein, die uns zumindest Wasser zum Spülen und Waschen spendet. Die Präsenz von Wasser erhöht auch das innere Wohlbefinden enorm. Aber stehendes Gewässer kann im Sommer viele Mücken bergen, die dann am Abend zur Plage werden. Der plätschernde Bach kann im Fall eines Starkregens schnell anschwellen so wie und stark abfallende Felsen zwar den Seitenwind abschirmen, aber auch zur gefährlichen Rampe werden können, die auch Geröll transportieren. Wir stellen uns also vor, welche Wege sich Wasser und rutschende Erde suchen würde, bevor wir den Schlafplatz festlegen.
Auch ein Blick in die Bäume ist wichtig. Ich vergewissere mich, dass keine morschen Äste oder schon umgestürzte, sich bei Nachbarn verhakte Bäume bei Wind herunterzufallen drohen. Dann kommen die Fragen des Komforts an die Reihe. Eine hinreichend große Liegefläche um sich umdrehen zu können, nicht abschüssig und wurzelfrei. Kuhlen sind gemütlich und schützen vor Blicken und Wind. Bei Regen werden sie aber zur Falle. Ameisenstraßen können unangenehm werden wenn man früh schlafen gehen oder lange ausschlafen möchte. Nachts gehen sie hingegen selbst in den Bau. So kommt man sich nicht in die Quere.
Und dann noch die Orientierung nach den Himmelsrichtungen. Wo wird die Sonne aufgehen? Wollen wir lange schlafen oder einen tollen Ausblick beim Einschlafen haben? Die beliebten Motive mit old-school Zelt unterm Nachthimmel und der Unterschrift 1000-Sterne-Hotel haben schon recht, der wahre Komfort und die Wahlmöglichkeiten können unbegrenzt sein.
Der Schlafplatz besteht aus einer Isomatte, ich habe eine faltbare aus Schaumstoff, keine zum Aufpumpen, aus Sorge vor Löchern. Bei Pausen dient sie als bequeme Sitzerhöhung. Eine Plane als Unterlage ist gut, sie schütz vor Bodennässe und Insekten. Einen Biwacksack habe ich noch nicht. Ich habe das Tarp sehr zu schätzen gelernt. Im Unterschied zum Zelt ist es erlaubt, darunter abseits von Zelt- oder Biwackplätzen zu übernachten. Mit 800 g ist es sehr viel leichter und deutlich günstiger als ei ausgewachsenes Zelt. Vor allem zwingt mich und erlaubt mir das Tarp, mich in den Ort einzubringen, an dem ich die Nacht verbringen möchte. Es schafft keinen abgeschlossenen Kosmos wie ein Zelt, das man wie ein Ufo einfach abstellen kann. Mein Tarp hat keine fertigen Stangen. Entweder suche ich nach zwei bis vier Ästen, um nur die Mitte oder auch eine oder zwei Ecken hochzuspannen. Sind Bäume in der Nähe erspart sich das Abspannen der Äste allerdings drohen bei Laubbäumen dicke Wurzeln. Die klassische Dackelhütte mit tief verankerten Seitenwänden muss unbedingt gegen die Windrichtung gestellt werden, sonst droht sie zum Windkanal zu werden. Aussicht bietet sie aber nur wenig. Also entweder eine Seitenwand etwas erhöht abspannen, so dass Regen noch ablaufen, aber im Liegen noch die Aussicht genossen werden kann. Gerne spanne ich eine Ecke ganz hoch an einen Baum und befestige zwei Seiten mit Heringen fest am Boden. In dieses Haifischmaul kann ich aufrecht hineingehen, habe viel Platz für meinen Rucksack und seinen Inhalt. Den geschützten Füßen steht eine große Öffnung gegenüber, durch die Luft und Licht hereinkommen.

Durch seine Leichtigkeit und Offenheit wirkt das Tarp wie eine Schnittstelle zum Draußen. Es stellt Kontakt her zwischen wachen und schlafendem Mensch und der Natur. Ich spüre Wind, Luftfeuchtigkeit und kann den nächtlichen Geräuschen viel besser eine Richtung zuordnen, als im Zelt. Ich werde sicher öfter wach als im Zelt. Bei Wind und Regen überprüfe ich meine Konstruktion und entscheide, ob ich nachbessern muss. Mit der Zeit baue ich es immer stabiler. Also nehme ich nur zur Kenntnis, wie es in den Elementen steht und bin dankbar und begeistert ob der wenigen Quadratmeter Trockenheit. Das Trommeln einige Zentimeter über mir kann wahnsinnig stimmungsvoll sein. Das Tarp erlaubt mir noch näher an die Natur heranzurücken. An die Erde, über der es schwebt, die Dämmerung und die Landschaft, die ich jederzeit in den Blick nehmen kann, weil die Augen sich an die schwindenden Lichtverhältnisse anpassen. Ein kleines Moskitonetz in pyramidenform kann den Komfort erhöhen. Gerade in raueren und kühleren Nächten in Norwegen habe ich gelernt, das Tarp deswegen zu lieben. Weil es mir erlaubt, mittendrin zu sein. Es schottet mich eben gerade nicht vollständig ab, sondern nur soweit es nötig ist. Als ich diesen Unterschied verstanden habe, lernte ich auch andere Situationen des Ausgesetzseins zu lieben, als physische Sensationen.